Was macht eigentlich Karl-Theodor zu Guttenberg so beliebt? Eigentlich hat er doch alle Merkmale, die normalerweise für Neid und Ähnliches sorgen: Adelstitel, Geld, gegelte Haare, immer piekfein angezogen und gehobene Ausdrucksweise. Und doch ist er selbst beim politischen Gegner im linken Lager einer der beliebtesten Politiker. In der ARD gab es kürzlich einen Bericht über die Dynastie derer von und zu Guttenberg, denn schließlich sind KTs – wie er oft genannt wird – Vater Enoch und Großvater Karl Theodor ebenfalls sehr erfolgreich (gewesen) – so wie die Familie Jahrhunderte zuvor.
Im Interview mit dem Vater, der seit 25 Jahren mit einem Chor aus der kleinen oberbayerischen Gemeinde Neubeuren die Welt bereist, kommen einige Eigenschaften zu Tage. Zumindest die männliche Linie scheint eines gemeinsam zu haben: den Dickschädel. Oder positiv formuliert, den Willen, den Charakter und das Durchhaltevermögen eine Meinung auch dann durchzusetzen, wenn sie gegensätzlich und unpopulär ist. Drei Beispiele:
Der Großvater Karl Theodor, zuletzt Staatssekretär von Bundeskanzler Kiesinger, hat sich im Dritten Reich geweigert den Befehl auszuführen, Juden zu erschiessen. Er meinte sogar, er würde eher noch einen SS-Offizier erschiessen. Normalerweise eine tödliche Idee. Gerettet wurde er von Freunden, die ihn mit dem Argument, er sei doch erst 18 und es sei jugendlicher Leichtsinn gewesen, frei diskutierten.
Der Vater Enoch wurde ebenfalls für die Politik erzogen, doch genau diese Erziehung half ihm, sich jahrelang gegen den Willen des Vaters einer künstlerischen Karriere zu verschreiben. Der Erfolg gab ihm Recht.
Karl-Theodor schließlich, zeigte gleich zu Beginn seiner bundespolitischen Karriere, dass er keiner ist, der nach Merkels Pfeife tanzt. Er widersprach der Rettung Opels auf Steuerkosten – und zwar Auge in Auge mit Arbeitern Opels. Und er schaffte mal eben so die Wehrpflicht ab, zumindest de facto.
Dieser eigene Wille zeigt allen, dass er Charakter hat. Doch es sind noch weitere Eigenschaften, die ihn brillant wirken lassen. So hat er eine sehr ruhige und doch emotionale Rhetorik. Diese wurde in der Familie früh trainiert. KT und sein Bruder Philip wurden schon als Jugendliche los geschickt, Reden auf Firmen- und Vereins-Jubiläen, Geburtstagen, Tagungen und Beerdigungen zu geben. Ausreden gab es nicht. So gab es schon ein frühes Learning-by-doing und der Erfahrungsschatz wurde immer größer.
Die Rhetorik und Körpersprache
Ich durfte den Baron schon live erleben. Er machte keinen Fehler. Er hielt nichts in der Hand, hatte auch kein Manuskript, nur ein kleiner Zettel mit ca. 7 Stichwörtern lag bereit. Seine Hände machten stets angenehme Bewegungen: ruhig, nie hektisch, nie den bei Politikern so häufig zu sehenden Oberlehrer-Zeigefinger oder die „schlagende Hand“, nie die predigende Gestik: die flachen Hände mit den Handflächen nach unten öffnen und schliessen sich vor der Brust, wie wenn der Redner etwas glatt streichen will. Westerwelle macht diese Geste gern, und ihn macht sie auch unsympathisch. Ebenso steckte KT nie seine Hand in die Hosentasche – dies sehe ich neuerdings allerdings leider immer öfter bei ihm, wenn er sich betont leger geben will. Keine gute Idee.
Seine Stimme setzte er variantenreich ein, betonte angenehm abwechslungsreich mit Pausen und Tempowechsel. Er lächelte nicht allzu häufig und doch immer wieder. Und dieses Lächeln hat etwas mildes, väterliches, elegantes. Sein Gastgeber damals war Peter Gauweiler, zu dem er ein distanziertes Verhältnis hat. Das thematisierte er sofort und nahm es leicht, fast schon humorvoll locker. Gauweiler lachte zurück. Mit seinen politischen Gegnern – es war Wahlkampf und KT noch Wirtschaftsminister mitten in der großen Krise – ging er sachlich hart ins Gericht, persönlich blieb er immer wertschätzend. Das schafft kaum ein anderer Politiker. Die meisten werden beleidigend und diffamieren den Gegner leichtfertig. Musterbeispiel dafür ist Sigmar Gabriel, der kaum ein Blatt vor den Mund nimmt. KT dagegen nennt die Namen der Roten und Grünen nur, wenn es unvermeidbar ist.
Und er zieht gerne auch mal den Trick, dass er sich auf die Seite der Zuhörer, also des „kleinen Mannes“ stellt. Diesem unterstellt er nicht – wie die meisten – Politikverdrossenheit aus Desinteresse und mangelndem demokratischen Pflichtbewusstsein. Er stellt sich auf dessen Seite und zeigt Verständnis, wenn „die da“ in Berlin agieren, wie es ja für den Wähler unverständlich sein muss. Und er zeigt dabei, was er selbst auch nicht verstehe. Doch vergisst er nicht, Vorschläge zu machen und auch dem ein oder anderen Thema gegenüber Verständnis entgegen zu bringen.
Sein Erscheinungsbild
Sein Aussehen, naja, das ist ist auch mir teils unerklärlich. Krawatten mit kleinen Tierchen drauf und gegelte Haare sind nicht unbedingt das, was normalerweise ankommt. Gegelte Haare mögen nur 17 % aller Frauen an einem Mann, nach neuester Umfrage. Die Haare können ja noch das Markenzeichen sein, wie Daimler-CEO Dieter Zetsches Riesenschnautzer oder die leuchtend bunte Haarglocke der Grünenchefin Claudia Roth. Sicher sind sie auch das genaue Gegenteil des früheren grünen Bundesratspräsidenten Thierse, der mit seinem rauschendem Vollbart-Gestrüpp eine gewisse Vertotteltheit mit dem Jute-Look der Anti-Atomkraft-Bewegung der Achtziger kombiniert hat. KTs Look ist da schon richtig konservativ und zeigt vielleicht einen unbewussten Wunsch der Menschen, das Seriöse wieder zurück in der Politik haben zu wollen. Da frage ich mich doch gleich: was wäre denn, wenn der allgemeine Wunsch nach grüner Politik mit seriös auftretenden und wirtschaftlich denkenden Politikern zusammen käme? Gäbe es eine Partei, die nochmal 20, 30 Prozent mehr Wähler hätte, als die aktuellen Grünen?
Der Krawatte dagegen, halte ich zugute, dass die Tierchen so klein sind, dass man sie schon im Fernsehbild eher als Punktmuster wahrnimmt. Und neulich sah ich ihn mit einer ganz normalen Krawatte.
Mit einem Blick über den gesamten Bundestag, fällt mir auf, dass die Politiker, die sich seriös geben und eine sympathische Rhetorik haben, in der Wählergunst vorne stehen. Und die Politiker, die immer noch aggressiv auftreten, mit der Hand in der Luft schlagen, den Zeigefinger erheben, grimmig schauen und den Gegner beleidigen und diffamieren, schaffen es zwar in die Schlagzeilen, doch rutschen immer weiter nach unten in der Beliebtheitsskala. Ich frage mich allerdings: wer kommt auf die Idee und bringt Politikern diese Art der Rhetorik bei?
Nach meiner Beobachtung sind es vor allem drei Politiker, bei denen ich den erhobenen Zeigefinger bisher nicht gesehen habe: KT, Merkel und Seehofer. KT und Merkel belegen Platz eins und zwei, Seehofer ist – ein bayerischer Ministerpräsident und CSU-Politiker ist bundesweit selten beliebt – immerhin noch auf Platz acht.
Das zeigt mir wieder einmal, wie wichtig rhetorische Fähigkeiten sind und welchen Einfluss die Körpersprache, aber auch Stimmeinsatz und Wortwahl auf den Erfolg haben. Das gilt nicht nur für die Politik.
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