Gestern Abend war ich zu einem Vortrag eingeladen, von dem sich das Publikum und ich viel erwarteten. Der Präsentator zelebrierte jedoch genau das Gegenteil dessen, was ich in meinen Seminaren, Vorträgen oder Artikeln und Bücher immer „predige“. Alles anders und insofern schon fast wieder ein Lehrbeispiel. Zudem eines, das uns beweist, dass Amerikaner auch nicht automatisch die besseren Präsentatoren sind.
Angekündigt wird er (Namen und Veranstalter nenne ich bewusst nicht) als Marketing-Guru, der extra 5000 Meilen für uns angeflogen kam, um in diesem spanenden Vortrag neue Erkenntnisse zu Online-Marketing zu verraten. Nach dieser vielversprechenden Ankündigung gibt es herzlichen Begrüßungsapplaus. Als dieser abebbt, nestelt der Redner jedoch noch seitlich der Bühne zusammen mit dem Tontechniker an Mikro, Mischpult und seinem Laptop rum – gefühlte drei Minuten lang. Statt eines spannenden Einstiegs folgt dann auch prompt eine erste, genuschelte Entschuldigung.
Danach sofort Folie 2: Eine hoffnungslos überfüllte Agenda, deren ganze Sätze er wörtlich vorliest. Bei zwei Punkten hat er noch eine Ergänzung, die er ebenfalls aus seinen Notizen vorliest. Um das zu können trägt er eine Halbbrille und erweckt mit jedem Blick darüber den Eindruck eines strengen Oberlehrers. Seine Körpersprache – naja, eigentlich hat er keine. Sein Laptop steht auf einem Rednerpult, hinter dem er sich die ganze Zeit versteckt. Ein Rednerpult mit aufgeklappten Laptop drauf kann einen ausgewachsenen Mann – wenn er nicht sehr groß ist – schon mal ganz gut tarnen.
Er liest weiterhin monoton den Text vor, der in seinen Notizen steht, was immerhin beweist, dass er die Funktion „Referententool“ von PowerPoint kennt. Nach der Agenda zeigt er Bilder. In diesem Falle Scans von Zeitungsanzeigen mit Coupons, um zu demonstrieren, dass die Amerikaner Coupons lieben. Nachdem eine Anzeige im Media Markt-Stil dann doch als sehr alt zu erkennen ist – der abgebildete Monitor hat noch die gute alte Röhre – entschuldigte er sich wieder mal. Nun fühle ich mich endgültig in einer verkehrten Welt. Neuigkeiten aus dem Marketing?
Die folgenden Textfolien werden immer voller. Da er stets bemüht ist, die gesamte Fläche auszufüllen, hat er bei mehr Text einfach die Schriftgröße reduziert. Je voller die Folie ist, desto schneller liest er dann auch noch vor. Sowohl die Texte auf den Folien, als auch seine wenigen zusätzlichen Notizen dazu. Langsam fragen wir Zuhörer uns, was denn eigentlich seine Botschaft sei. Wir tuscheln. Doch keinem der um mich Sitzenden ist das so recht klar. Er bietet einen Gemischtwarenladen aus Marketing-Binsenweisheiten oder Aussagen wie „Die Marketing-Welt ändert sich gerade vom Print hin zum online.“ Hatte ich das nicht vor 15 Jahren schon gehört? Ist das nicht längst vollzogen? Natürlich betont er, dass Amerika auch bei diesem Thema immer ein paar Jahre schneller ist, als Europa.
Das Highlight folgt nach rund 25 Minuten. Er verspricht das Ende! Er formulierte es in etwa so: “Only four more slides, then I’ll be ready.” Das Dumme daran: zwei Folien weiter merkt er, dass nun erst die viertletzte Folie kommt. So entschuldigt er sich wieder einmal und kündigte nochmals an, dass es jetzt nur noch vier Folien sind. Naja, vier und eine Q&A-Folie, ergänzt er. Er erhöht leicht das Tempo seines Vorlesens – und das kann er prima: rasant vorlesen, ohne sich zu versprechen.
Als dann seine Folie mit „Thank You” nach rund 30 Minuten pünktlich das Ende anzeigt, geht es in den Frageteil über, Moderiert vom Gastgeber. Das hatte der Marketing-Guru wohl ganz vergessen, denn sein Headset hat er schon abgenommen und musste sich nun das Mikro vor den Mund halten. Das gibt ein paar spannende Geräusche aus den Lautsprecherboxen zusätzlich, teils sogar grenzwertig laut. Die Fragen beziehen sich vorwiegend darauf, dass die Teilnehmer Lösungen wollen. Denn sein Vortrag ist hauptsächlich darauf fokussiert, dass er Fehler, Probleme und Fragestellungen vorstellt, Lösungen hat er nicht präsentiert. Seine Antworten waren meist recht lange und boten trotzdem kaum Neues. Am Ende blieb im Publikum das Gefühl: ein veralteter Vortrag, schlecht präsentiert und ohne Neues oder Lösungen. Und was ich all meinen Kunden gegenüber immer wieder betone: Es fehlte eine zentrale Aussage, Kernbotschaft oder Take-Home-Message. Vollkommen. Wozu fliegt so jemand 5000 Meilen?
Der Abend war trotzdem sehr nett, denn die anschließenden Gespräche und Diskussionen waren auf einem höheren und entsprechend der internationalen Gäste auf einem sympathischen Niveau. Der Veranstalter hatte sich viel Mühe gegeben.
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